09. Mai 2008, WAZ Bochum - Lars L. von der Gönna
Die volle Packung
Kein Musen-Internat für Verwöhnte, aber neun Monate lang alles, was Bühne bedeutet:Das "TheaterTotal" in Bochum ist eine bundesweit einzigartige Einrichtung für junge MenschenMackie Messer kniet am Boden. Mackie Messer sortiert Schuhspanner. Mackie Messer ist ja eigentlich die Hauptrolle. Mackie Messer hat aber diese Woche auch Putzdienst. Und nächste Tage ist er mit Kochen fürs Ensemble dran. Man hat eine Ahnung, warum das hier "TheaterTotal" heißt.
Es ist total anders. Es ist total viel. Es ist total anstrengend. Vor allem aber ist das, was der Bau an Bochums Hunscheidtstraße birgt, total einzigartig. Es ist keine Schauspielschule, es ist kein Musen-Internat, es ist kein Selbstfindungszirkel für Verwöhnte. Es ist, sagt die künstlerische Leiterin Barbara Wollrath-Kramer, "ein Geschenk".
Ein Geschenk an junge Männer und Frauen, die hier für neun Monate sind. Und prüfen: ob sie sich in ein Team fügen können. Ob sie nicht nur als Duse taugen. Ob sie belastbar sind, kritikfähig. Ob sie gerne Mephisto wären oder doch lieber einer, der unsichtbar die Strippen zieht. Um die 100 bewerben sich. Um die 30 können hier sein. Ein Theaterjahr lang. Ein unglaublich anstrengendes für die meisten.
"TheaterTotal ist nichts für dich, wenn du nicht bereit bist, Opfer zu bringen", sagt Christoph Bovermann. Noch nie sei er so an seine Grenzen geführt worden. Er ist 20 und spielt den alten Peachum.
Dieses Jahr ist "Dreigroschenoper" die TheaterTotal-Inszenierung. Barbara Wollrath-Kramer führt Regie. Um sie herum müssen alle alles machen. Wie sie. Jeder spielt eine Rolle. Jeder putzt das Riesenhaus (früher Verwaltung der Maschinenfabrik Eickhoff). Jeder ist dran mit Kochen - immer drei Köche, fast immer drei Gänge, und es ist schöne Sitte, dass sie sich dann wie die Profis vor die lange Tafel im Keller stellen und stolz ansagen, dass es heute Austernpilzlasagne gibt . . .
Zum Beispiel.
Es gibt Kunst. Aber auch Management: Eine Tournee durch halb Deutschland will organisiert sein, Fundraising, Telefon-Akquise. Es gibt Technik und also die Antwort darauf, wie man aus 40 000 Watt eine "Stimmung" macht.
TheaterTotal ist das Reclam Heft in der einen Hand und die Kreissäge in der anderen. Das mit dem Geschenk sagt Barbara Wollrath-Kramer, diese kleine, diese leise, diese sehr präsente Frau, das mit dem Geschenk sagt sie auch, wenn die, die sie seit zwölf Jahren ein Jahr um sich hat, nicht gut vorbereitet sind, wenn manche glauben, das alles käme von selbst. "Kunst ist nicht Berauschung sondern Arbeit", sagt die 56-Jährige. Und: "Ich bin dadurch stark geworden, dass mir nichts geschenkt worden ist." Wollrath-Kramer, diese Seele dieses Hauses, braucht nicht viel. Weil sie nicht viel brauchen darf. "Ich hab 1300 Euro brutto im Monat", sagt sie. "Eigentlich", sie lächelt fast verlegen, "bin ich Schuhfetischistin - geht aber nicht!"
Für alles, was sie hier bietet, hat sie einen Etat von 210 000 Euro pro Jahr. Für alles: Für 300 Stunden Schauspielunterricht, 340 Stunden Tanzunterricht und Körperarbeit, 60 Stunden Malerei, Grafik, Gestaltung. Für Kostüme und Bühne. Für Technik, Pacht, Telefon. Für Dozenten. Manche kommen von weit her, andere von Hochschulen der Region, Folkwang darunter.
800 Euro zahlen die "Totaler" einmalig. Fürs Hiersein. Ihr Zimmer suchen sie allein. Manche haben gejobbt, bis das Geld zusammen war, bei anderen helfen die Eltern.
"Was gibt es noch nicht?", hat sich Wollrath-Kramer Anfang der 90er Jahre gefragt. Da war sie, die Schauspielerin, an einem Punkt angekommen, an dem sich etwas verändern sollte. Und nach ein paar Umwegen war sie da: die "Zukunftswerkstatt", ein Ort, an dem Menschen, die nicht sicher sind, was mit ihrem Leben passieren soll, sich ausprobieren. "Ich möchte, dass die wissen, dass das Leben nicht nur Mc Kinsey ist. Verstehen Sie?"
Manchen gehen von hier aus an Schauspielschulen. Oder werden Regisseur. Wie David Bösch, Shooting-Star der deutschen Schauspiel-Regie. "Dass man mit so verschiedenen jungen Leute zusammen was auf die Beine gestellt hat, war einfach ein ganz starkes Erlebnis. Man wollte eine Sache", sagt er im Rückblick.
Andere machen was anderes: Entwicklungshelfer, Kulturmanager, Arzt. Ein verlorenes Jahr ist es für keinen. "Die Ernsthaftigkeit, mit der man Theater macht", wird Corinna Fischer (20) mitnehmen. Gelernt hat sie hier aber auch, wie man putzt. Am liebsten den großen Flur: "Wenn ich singe, hallt es so schön!" Sie will vielleicht Journalistin werden.
Ohne Sponsoren ginge nichts. Stiftungen, Banken, Privatförderer. Auch der Verein "Theater macht Mut" gehört dazu. Was Mackie Messer und die anderen tun, erntet auch Respekt bei denen, die für weiche Standortfaktoren eigentlich keine Zeit haben. Aber Dr. Paul Rheinländer, Geschäftsführer der Eickhoff Holding, honoriert die Arbeit von TheaterTotal "mit einem sehr erschwinglichen Mietzins". Übersetzt: Das Ensemble hat in einem Eickhoff-Bau üppig Platz. "Wir fördern Jugendarbeit: z.B. Lehrlingsausbildung, Praktika, Trainees. In dieses Raster passt die Arbeit des Theaters", sagt Rheinländer. "Was hier geschieht, ist ein Studium generale von ganz ausgezeichneter Qualität. Es geht ja nicht nur um Schauspielausbildung. Es wird Disziplin vermittelt, Ordnung, das Arbeiten in der Gruppe - alles Grundwerte im menschlichen Miteinander."
TheaterTotal ist eine Erfolgsgeschichte aus wenig Geld und viel Herzblut. Utopien sind dabei nicht auf der Strecke geblieben. "Wenn das hier eine Anlaufstelle für junge Menschen aus ganz Europa würde...", träumt Barbara Wollrath-Kramer. Dann wäre ihr Theater vermutlich noch ein bisschen totaler. Und immer noch: ein Geschenk.
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