04. Oktober 2007, WAZ Bochum
Das totale Theater
Das ist sportlich, kreativ, spontan und kostet manchmal Überwindung: 30 junge Menschen aus ganz Deutschland schauspielern und tanzen neun Monate lang. Am Ende gehen sie mit einem Stück auf Tournee.Was für ein Theater, das totale Theater. Bis zum nächsten Sommer scharen sich um Barbara Wollrath-Kramer wieder 30 Menschen. Jung, wild, quirlig. Sie sind vieles, bloß nicht langweilig. Aber sie scharen sich nicht nur, sie tanzen und springen, sie singen und überlegen, sie reagieren spontan und zuweilen sportlich. Und sie kochen. Am Herd und für eine große Horde, nicht vor Wut. "Theater Total" heißt das Projekt, das seit über zehn Jahren Jahr für Jahr junge Menschen aus ganz Deutschland schult und zu einer schauspielerischen Einheit führt, bei der es auch Grenzen und Widerstände zu überwinden gilt. Sich vor der Gruppe hinzugeben, kann sogar peinlich sein. Muss es aber nicht. Barbara Wollrath-Kramer versteht ihr Fach, das spürt jeder, der die Übungsstunden an der Hunscheidtstraße verfolgt.
Anfang der Woche ist die neue Theater-Total-Saison gestartet. Schon nach kurzer Zeit wirkt die Gruppe befreiend lebendig, was daran liegen mag, dass Offenheit wohl jeder mitbringt, der ernsthaft daran interessiert ist, Schauspieler zu werden. "Wer bei uns mitmacht, muss mutig sein, Kraft aufbringen und Kritik vertragen können", sagt Barbara Wollrath-Kramer, Gründerin und Mutter der totalen Theater-Nation.
Gerade hat sie ihrer 30 Jungs und Mädchen starke Herde eine Kiste mit Tüchern überlassen. "Macht was damit!" Innerhalb einer Minute müssen sich die motivierten jungen Leute Choreografien überlegen. Nur sie und die Tücher - wer ideenlos ist, verliert. Kurz darauf springen und tanzen sie in Dreiergruppen durch den Saal. Das sieht manchmal lustig aus, Lachen ist erlaubt. Das sieht teilweise feengleich aus, hier und da auch bärengleich.
Dieses Jahr kommt eine Teilnehmerin sogar aus Dänemark: Vibeke (18), die wie die meisten anderen kürzlich die Schule abgeschlossen hat und jetzt ihrer Kreativität freien Lauf lassen will. "Durch einen Flyer an meiner Schule habe ich vom Projekt erfahren", sagt sie, die mitmacht, um noch besser Deutsch zu lernen und mehr über sich selbst zu erfahren.
Sie hat an ihrer Schule schon etwas Theater gespielt, so wie Myriam, die an der Waldorfschule in Witten Abi gemacht hat. "Ich wollte auf keinen Fall sofort nach der Schule studieren, denn ich möchte unbedingt etwas mit Theater machen", sagt die 20-Jährige, die aus der aktuellen Gruppe geographisch gesehen wohl den kürzesten Weg zurückzulegen hatte. Einige kommen vom Bodensee, andere aus Berlin, Christoph (20) kommt aus Remscheid und hat über Bekannte von Theater Total erfahren. Jetzt lebt er in einer Vierer-WG und testet eine Saison lang, ob Theater, sein Zukunftstraum, wirklich etwas für ihn ist.
Aus über hundert Bewerbern hat die Leitung die anscheinend passenden Teilnehmer ausgewählt. Diese üben und studieren jetzt viele kleine Aufgaben wie Gesang, Bewegung zur Musik oder Performances. Für eine Firma gestalten sie eine Weihnachtskarte, aber das richtig Große kommt zum Schluss. Dort soll, wie jedes Jahr, ein Stück stehen, mit dem die Gruppe auf Deutschland-Tour gehen will. "Geplant sind über 30 Aufführungen, nach Ostern geht es los", sagt Barbara Wollrath-Kramer. In der Vergangenheit haben die Theater-Totalen so anspruchsvolle Sachen wie "Peer Gynt", "Faust" oder "Ein Sommernachtstraum" aufgeführt.
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